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Prof. Dr. Franz Ruppert

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„Mütter starben, weil ihre Gebärmutter nach der Gabe von Cytotec gerissen war. Kinder kamen behindert zur Welt, weil sie durch die extrem starken und dichten Wehen an Sauerstoffmangel litten. Ein Wehensturm kann sich für das Kind so anfühlen, als würde man seinen Kopf immer wieder unter Wasser drücken und ihm beim Auftauchen kaum eine Chance geben einzuatmen. … Die Tablette kostet ein paar Cent. … Es gibt Hinweise darauf, dass Geburten mit Cytotec schneller verlaufen und mit weniger Kaiserschnitten, weil es sehr effektiv ist.“ (Süddeutsche Zeitung, 12.2.2020, S. 3). Die Diskussion, die seitdem dazu einsetzt, dreht sich im Wesentlichen um die Frage, ob es legal sei, dass dieses nur als Magenmittel zugelassene Medikament auch in der Geburtshilfe zum Einsatz kommen dürfe. Dieser Streit verfehlt meines Erachtens meilenweit den Kern des Problems.

 

Wer anderes als das ungeborene Kind sollte eigentlich darüber bestimmen, wann es Zeit ist, sich auf den Weg zu machen und sein bisheriges Zuhause, den Mutterleib zu verlassen? Wer anderes als dieses Kind kann spüren, dass sein Wachstum innerhalb seiner Mutter nicht mehr vorankommt, und es daher mehr Raum und eine neue Nahrungsquelle benötigt? Dass es also statt Plazenta und Nabelschnur jetzt die mütterlichen Brüste braucht?

Wehen sind das Mittel des Kindes, seiner Mutter zu signalisieren, jetzt ist es Zeit für den Übergang von Innen nach Außen. Aus der Perspektive des Kindes heißt das: „Mama, jetzt müssen wir zusammen einen wichtigen Lebensabschnitt von mir meistern: ich bin bereit, die Passage durch die Öffnung in deinem Unterbauch zu nehmen. Bitte hilf mir dabei und mach dein Becken weit, damit ich mit meinem Kopf hindurchkomme. Ich freue mich darauf, dass wir uns draußen begegnen, dann kann ich dich endlich erkennen, wie du aussiehst. Gerochen, geschmeckt und gehört habe ich dich bereits, aber in deine Augen konnte ich bisher nicht sehen und auch du kannst dann in meine Augen blicken, mich riechen und meine Haut fühlen. Ich bin auch gespannt, wie deine Stimme klingt, wenn ich sie nicht unter Wasser höre. Komm, lass uns das jetzt zusammen machen, denn wir gehören ja für viele weitere Jahre noch eng zusammen. Ich brauche dich, deinen Körper und deine Liebe für mein weiteres Gedeihen. Mach bitte deinen Unterleib jetzt weich und weit. Gib dich dem Geschehen wie ich auch ganz hin. Lass uns auf unsere natürlichen Impulse und Reflexe vertrauen. Ich will dir dabei so wenig Schmerzen wie möglich machen.“

Wie es scheint, wird in der modernen Geburtshilfe die subjektive Perspektive des Kindes am wenigsten eingenommen. Es wird als ein Körper ohne eigene Psyche gesehen, der aus einem Mutterkörper, der ebenfalls frei von Psyche ist, herausgebracht werden soll, mit welchen Mitteln auch immer. Dass Kind- und Mutterkörper immer mehr in Stress versetzt werden, je mehr von außen Zeitdruck auf sie ausgeübt werden, scheint dem Geburtshilfesystem ein fremder Gedanke zu sein. Es will ja „effektiv“ sein und nutzt dafür alle möglichen technischen, pharmakologischen und personellen Mittel, um den Aufenthalt der Gebärenden im Krankenhaus so kurz wie möglich zu halten. Denn deren Verweildauer kostet dem System Geld und daher soll innerhalb kurzer Zeit mit möglichst vielen Interventionen das Maximum an Profit für das Krankenhaus herausgeholt werden. Denn die hochqualifizierten Chirurgen, Anästhesisten, Hebammen und Krankenschwestern müssen ja entlohnt und die Investitionen in die teuren medizinischen Geräte abbezahlt werden. Und die Pharmaindustrie braucht ja schließlich auch noch ihr Stück vom großen Mutter- pardon Geldkuchen.

Warum begeben sich schwangere Frauen in ein solches System und liefern sich dessen Interessen und Routinen aus? Dafür gibt es wohl mehrere Gründe:

  • Es wird ihnen allenthalben Angst gemacht, dass die Geburt ihres Kindes voller Risiken sei, dass es unerträgliche Schmerzen geben werde, dass sie ohne fremde Hilfe der Situation hilflos ausgeliefert sein werden.
  • Das Geburtshilfesystem präsentiert sich den Schwangeren gegenüber als Hightech-Paradies mit grenzenloser medizinischer Expertise und Jahrhunderte langer praktischer Kompetenz. Alles andere sei laienhaft, unwissenschaftlich und unverantwortlich.

Was mir als Ursache jedoch noch wesentlicher erscheint: Die Frauen selbst haben von klein an gelernt, sich ihrem eigenen Körper gegenüber zu entfremden. Meist sind sie selbst schon das Opfer traumatisierender Geburtsvorgänge geworden. Auch ihre Mütter haben bei ihrer Geburt nicht auf sie als Kind gehört, sondern nur auf das, was Ärzte ihnen gesagt haben. Viele von ihnen sind nicht gewollte, geliebte und geschützte Kindern und wurden bereits früh traumatisiert. Sie wissen daher oft selbst nicht genau, wer sie sind und was sie wollen.

Auch die Entscheidung, ob sie ein Kind wollen oder nicht, ist oft sehr ambivalent. Oder sie wird von ihnen vor allem vom Kopf her getroffen und ist mit unrealistischen Vorstellungen verbunden, wie es dann tatsächlich ist, wenn ein Kind im eigenen Bauch heranwächst und was dessen ursprünglichen Bedürfnisse sind. Dass gezeugte Kinder von Anfang an über ein eigenes Innenleben – ich nenne das „menschliche Psyche“ - verfügen und aufgrund dessen sehr genau alles mitbekommen, was seine Mutter fühlt, denkt und tut, - das ist den meisten Müttern von heute noch eine fremde Vorstellung. So wenig sie Zugang zum eigenen Lebensanfang haben, so wenig können sie sich in ihr werdendes Kind hineindenken.

Wobei hier das Denken das eher ungeeignete Mittel ist. Es braucht den Einsatz der eigenen Intuition und der eigenen Gefühle, um zu spüren, wie es dem Kind in der Gebärmutter geht, was es braucht und wovor es geschützt werden muss. Diese mütterlichen Gefühle sind aber oft, wie schon angedeutet, durch die eigenen Kindheitserfahrungen der Schwangeren blockiert. Zuviel Angst, Wut, Scham und Schmerz müssen von den werdenden Müttern bis heute unterdrückt werden. Diese Gefühlsblockade versperrt damit aber auch den Zugang zu den Gefühlen von Freude, Lebenslust und glücklich sein.

Ähnlich geht es wohl den Berufsgruppen, die im Geburtshilfe-System arbeiten. Hätten sie einen emotionalen Zugang zur eigenen Lebensgeschichte, zu ihrem eigenen Lebensanfang und ihrer eigenen Geburt, sähe vieles dort mit Sicherheit anders aus. So aber nehmen sie Zuflucht zu scheinbar objektiven Messdaten, zu technischen Standardroutinen und merken nicht, wie sie Menschen, denen sie helfen wollen, zu Objekten ihres Denkens und Handelns machen – und sie dadurch massiv körperlich wie psychisch traumatisieren. So gibt die vorgehende Generation ihre unverdauten Ängste und ihren nicht bewältigten körperlichen wie psychischen Schmerz an die nächste weiter – und bezeichnet ihre Trauma-Täterschaft als „Hilfe“, zu der es vermeimtlich keine Alternative gibt.

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